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Wie Plakate die Aufmerksamkeit steuern
Plakatwerbung für das ZDF
Von Michael Schießl, Dr. rer. pol. Bernhard Engel
Der Wettbewerb um die Aufmerksamkeit der Fernsehzuschauer
beginnt nicht erst im laufenden Programm, sondern bereits bei seiner
Promotion. Zwar hat das Fernsehen als Massenmedium ein großes eigenes
Potenzial als Werbeträger, dennoch ist es notwendig, zur Erreichung
bestimmter Zielgruppen bzw. wirksamer Kontaktmengen auch andere
Medien als Werbeträger einzubinden. Hierbei spielt bei einer zunehmenden
Mobilität der Gesellschaft die Outdoor-Werbung, insbesondere das
Plakat, eine wesentliche Rolle. So wurden 2005 rund 611 Millionen
Euro in Plakatwerbung investiert (Quelle: FAW) und die Tendenz ist
weiter steigend. Auch das ZDF hat sich schon vor Jahren entschlossen,
wegen der hohen Kontaktmengen und der Möglichkeit, Zielgruppen anzusprechen,
um die verstärkt geworben wird, diesen Werbeträger einzusetzen.
Wie kann Plakatwerbung im Labor getestet werden?
Trotz ihrer bekannten Bedeutung für die Erreichung
von Kontakten sind Plakate das Werbemedium, das bezüglich qualitativer
Wirkungskomponenten forscherisch am wenigsten erschlossen ist. Allein
bei der Frage der Nutzung behilft man sich indirekt, indem die Werbereichweite
über die Verkehrsfrequenz bestimmt wird Sowohl Fernsehen, dessen
Nutzung sehr exakt über die Verhaltensdaten von Fernsehpanels bestimmt
wird, als auch Print, dessen Nutzung über intensive Leserbefragungen
erhoben wird, sind bezüglich der Datenqualität Plakaten überlegen.
Plakate sind auch für Werbewirksamkeitsstudien bisher eher ein Randthema,
weil kaum Instrumente existierten, diese im Pretest untersuchen
zu können. Pretests sind für die Optimierung des Marketings allerdings
ein zentrales Instrument. Schließlich kann nur eine ex ante Bewertung
des Werbeerfolges dazu dienen, teure Fehlinvestitionen zu vermeiden.
Um diesen methodischen Defiziten entgegenzusteuern, hat die ZDF
Medienforschung gemeinsam mit eye Square eine neue Methode zum Plakat-Pretesting
entwickelt. Dabei wurde mittels Blickbewegungsanalyse die Nutzung
von Plakaten im realen Außenraum und im Labor untersucht. Ziel der
hier dargestellten Studie war es, neben der Bewertung der ZDF Plakate
herauszufinden, ob im Labor erhobene Pretest-Ergebnisse sinnvoll
auf die zu erwartende Wirkung von Plakaten im Außenraum übertragen
werden können. Als Indikator für die Validität der Ergebnisse wurde
die Übereinstimmung der Ergebnis-Rangreihe der verschiedenen Erhebungsmethoden
auf den abhängigen Variablen herangezogen. Die Überlegung ist: Wenn
sich die Rangreihe der getesteten Motive vom Labor auf den Außenraum
übertragen lässt, dann ist die relative Position des zu testenden
Plakates im Labor ein zuverlässiger Schätzer für dessen spätere
Outdoor-Wirkung.
- Methode: Simulation eines Stadtspaziergangs im Labor
Das entscheidende Moment für den prädikativen Erfolg
eines Pretests ist darin zu sehen, dass der Befragte in der Laborsituation
über dieselben Freiheitsgrade verfügt, wie in der natürlichen Rezeptionssituation.
Beispielsweise sollten die Befragten bei Tests von Print-Anzeigen
stets die Möglichkeit haben zu blättern; testet man Fernsehen, sollten
die Befragten immer auch zappen können. Um die Werbung im Außenraum
zu simulieren, haben wir deshalb ein möglichst realitätsnahes Vorgehen
für die Laborstudie gewählt: die Simulation eines Stadtspaziergangs
im Labor.
Kern der Laborstudie war die Simulation eines Spaziergangs
durch Berlin. Die 60 Versuchspersonen konnten sich hierzu am Computermonitor
frei durch eine Anzahl von 52 Fotos mit Berlin-Impressionen bewegen
(Dauer etwa 15 bis 25 Minuten). Auf 14 dieser Bilder war Plakatwerbung
in ihrem tatsächlichen Kontext abgebildet, unter anderem drei ZDF
Plakate.
Die Tester erhielten keine weitergehenden Instruktionen, die eventuell
darauf hindeuten konnten, dass es sich um eine Studie zur Werbewirkung
handelt. Während des Betrachtens der Bilder erhoben wir mit Hilfe
eines Remote Eye Trackers die Blickbewegung. Die in der Laborstudie
dargestellten Bilder entsprachen weitgehend den Darstellungen im
Außenraum. Nachdem der simulierte Spaziergang abgeschlossen war,
wurden die Tester zur Werbeerinnerung und -bewertung innerhalb eines
persönlichen, vorstrukturierten Interviews befragt.
Die Outdoor-Studie fand mit 15 Testern in der realen
Außensituation statt. Kern dieser Flaneur-Studie war ein entspannter,
30 Minuten dauernder Spaziergang durch die Schlesische Straße in
Berlin Kreuzberg. Während des Flanierens wurde die visuelle Aufmerksamkeit
der Versuchsperson mit einem Headmounted Eye Tracking System erfasst.
Auf dem Weg waren drei ZDF Plakate und 14 bis 17 andere Plakate
zu sehen. Im Anschluss an den Spaziergang wurden ebenfalls die Werbeerinnerung
und die Werbebewertung mit Hilfe von Bewertungsskalen und einem
persönlichen, vorstrukturierten Interview erhoben. Die bisherige
Forschung hat gezeigt, dass der Erfolg von Pretests im Wesentlichen
von folgenden Faktoren abhängt:
Abbildung des Werbemittels im realitätsnahen Umfeld: Das
Werbemittel sollte in einen realitätsnahen Kontext eingebunden werden.
Integration von konkurrierenden Werbemitteln: Zum realitätsnahen
Umfeld gehört auch, dass nicht nur ein Werbemedium, sondern eine
Konkurrenz aus verschiedensten Reizen vorliegt. Der zu testende
Stimulus sollte deshalb im Umfeld von konkurrierenden Werbemitteln
und anderen realistischen Kontextreizen dargeboten werden.
Kombination verschiedener Erhebungsmethoden, vor allem auch rezeptions-basierter
Verfahren: Im Bereich von Printmedien und Internet spielt die
Blickbewegungsmessung eine wesentliche Rolle um die Aufmerksamkeit
als Voraussetzung für die Werbewirkung zu erfassen. Bei Fernsehwerbung
sind Parameter, die das Arousal-Niveau erfassen von besonderer Bedeutung.
Erfassung sowohl der unbewussten/ automatischen und der bewussten/
kontrollierten Verarbeitungsprozesse: Während der Betrachtung
eines Werbemittels treten neben einer bewussten Verarbeitung vor
allem auch unbewusste, stark automatisierte und schnelle psychologische
Prozesse auf, die nicht allein durch Interviews zugänglich sind.
Copy Tests sollten daher sowohl die bewussten, als auch die automatischen
Verarbeitungsprozesse erfassen. Tests, die sich allein auf die Erfassung
bewusster Informationsverarbeitungsprozesse beschränken, bergen
die Gefahr, dass kognitive und rationale Argumente überschätzt werden.
Aussagkräftige Erinnerungsmaße anwenden: Wichtig ist es ferner,
die freie und die gestützte Erinnerung einzelner Kernbotschaften
(Logo, Claim, etc.) methodisch sauber zu erfassen. Wir setzen hierbei
eine Kombination aus Free Recall und Recognition durch das „dual
forced choice" Verfahren ein.
Subjektive Bewertung der Leser nicht vergessen: Die subjektiven
Bewertungen der Tester, die in Form von Tiefeninterviews und skalierten
Fragen erhoben werden können, sind eine notwendige Ausgangsbasis
für die Interpretation der objektiv messbaren Daten.
Zugrunde gelegtes Wirkungsmodell
Im angenommen Werbewirkungsmodell wird Reizwahrnehmung
als notwendige Voraussetzung für alle weiteren Prozesse der Werbewirkung
angesehen. Damit meinen wir schlicht Folgendes: Etwas, das nicht
wahrgenommen wird, kann auch nicht wirken. Im Rahmen der Eye Tracking
Analyse wird die Position der Fovea (also des Punktes des zentralen
Sehens) als bester Indikator für den Bereich des visuellen Feldes
mit einer hohen Verarbeitung angenommen.
Weiter werden sowohl die bewusste als auch die unbewusste Verarbeitung
als zentral für die die zu erwartende Werbewirkung angesehen.
Eye Tracking hat im Gegensatz zu anderen Methoden der Erfassung
von Aufmerksamkeitsprozessen den Vorteil, auch die unbewussten Prozesse
in der Aufmerksamkeitssteuerung und Ausrichtung zu erfassen. Die
indirekte Erfassung von Aufmerksamkeit etwa mittels Mouse Trackings
ist immer limitiert an bewusste Prozesse und kann daher auch immer
nur einen Teilbereich der relevanten psychologischen Prozesse erfassen
(siehe Abbildung 1).

Abbildung 1: Das zugrunde liegende
Modell der Werbewirkung umfasst sowohl bewusste als auch unbewusste
Informationsverarbeitungsprozesse zur Erklärung der Werbewirkung.
Effizienz und diagnostische Daten
Die objektiven Daten aus Eye Tracking und Erinnerung
nennen wir Effizienzdaten, weil diese einen echten Schätzer für
die zu erwartende Werbewirkung darstellen. Die Effizienzdaten liefern
damit die Grundlage für die Bewertung der Wirksamkeit der Plakate,
die sich aus dem Vergleich mit anderen getesteten Plakaten ergibt.
Die Daten aus den anschließend erhobenen Befragungen
(Einstellungsdaten) und dem Tiefeninterview nennen wir diagnostische
Daten. Im diagnostischen Teil wird die persönliche Einstellung der
Tester gegenüber der Anzeige zum einen mit Hilfe von vorgegebenen
Skalen und zum anderen mit Hilfe von Tiefeninterviews erhoben. Diese
Daten erfassen nicht die „echte" Werbewirkung der Anzeige,
weil der Stimulus vorgelegt und damit künstlich hervorgehoben wird.
Sie sind die subjektive Interpretation der Teilnehmer über ihre
zugrundeliegenden psychologischen Prozesse und dienen dazu, die
Ergebnisse der Effizienzdaten zu erklären. Beide Arten an Daten
ergänzen einander, praktisch relevante Implikationen ergeben sich
aus der integrierten Interpretation objektiver und subjektiver Daten.
Ergebnisse
Für das Testszenario wurden drei unterschiedliche
Motive von ZDF Plakaten ausgewählt. Jedes Motiv zeigte eine prominente
Person aus dem ZDF-Fernsehprogramm, die die typische Geste „mit
dem Zweiten sieht man besser" ausführen. Abgebildet waren Elke
Heidenreich, Thomas Gottschalk und Claus Kleber.
Wie erwartet zeigte sich, dass sowohl die Aufmerksamkeitsdaten als
auch die Erinnerungsmaße zu den gleichen relativen Unterschieden
zwischen den einzelnen Plakaten führten (siehe Abbildung 2 und 3).
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Abbildung 2: Blickdichte Gottschalk-Motiv
über alle Tester im Labor |
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Abbildung 3: Blickdichte über
alle Tester beim Stadtspaziergang |
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Auch die Daten zur durchschnittlichen Betrachtungszeit
der unterschiedlichen Plakate im Labor bzw. im Außenraum zeigen
eine Übereinstimmung der relativen Ergebnisse (siehe Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Grafik zeigt die
durchschnittliche Betrachtungsdauer auf einem Plakatmotiv, sowohl
für das Labortesting (Indoor) als auch für das Testing auf der Straße
(Outdoor). Es wird deutlich, dass beiden Studienarten die gleiche
Rangreihe der Anzeigenbetrachtung hervorbringen. Am längsten wird
das Motiv mit Thomas Gottschalk betrachtet (rot), dann Elke Heidenreich
(violett) gefolgt von Claus Kleber (blau). Der Benchmark-Wert gibt
den Mittelwert der Betrachtungsdauer über alle getesteten Plakatmotive
an.
Auch in Bezug auf die Erinnerungsdaten zeigt sich ein ähnliches
Muster. Unten abgebildet ist die gestützte Erinnerung an die Bildmotive
im Labor vs. Outdoor: Gottschalk wird am besten erinnert, gefolgt
von Heidenreich und Kleber. Die Rangreihe der Motive entspricht
sich in beiden Settings. Die geringere Erinnerungsleistung im Outdoor-Bereich
erscheint aufgrund der komplexeren Rezeptionssituation im Außenkontext
realistisch. Die Daten für das Motiv „Sphinx" wurden lediglich
im Labor erhoben, sie sind Indikativ für dessen Outdoor-Wirkung.
Sphinx hat eine überlegene Aufmerksamkeit aufgrund des neuen innovativen
Motivs. Bei der Erinnerungsleistung ist es allerdings den Testimonialmotiven
unterlegen, weil hier die Information nicht an ein bereits vorhandenes
Erinnerungsschema angebunden werden kann (siehe Abbildung 5).

Abbildung 5: Die Grafik zeigt die
Ergebnisse der gestützten Erinnerung an die einzelnen Plakatmotive
in Prozent. So konnten sich 83 Prozent der Tester in der Indoor-Studie
und 75 Prozent in der Outdoor-Studie an das Gottschalk-Motiv erinnern.
Die Rangreihe der Erinnerungswerte, also das relative Abschneiden
der Motive untereinander, ist bei Labor- und Außenraumstudie gleich.
Fazit
Offenbar kann die Wirkung von Plakaten im Labor simuliert
werden. Die Ergebnisse zeigen, dass die in der simulationsbasierten
Studie gewonnenen Daten die Daten der Outdoor-Studie sinnvoll vorhersagen
können, und das bezüglich ihres Rankings in der Aufmerksamkeit und
der Erinnerung. Plakatkampagnen können also unaufwändig im Labor
einem validen Pretest unterzogen werden. Im Laborkontext, in dem
sich der Tester voll auf die gezeigten Stadtansichten konzentriert
und nicht auf Umweltfaktoren wie Verkehr etc. achten muss, wird
die Werbung etwas besser erinnert als im tatsächlichen Rezeptionsumfeld.
Die Relation zwischen den getesteten Plakaten war allerdings sowohl
in den Erinnerungsmaßen als auch in der Aufmerksamkeitsmessung gleich.
Dies ist in Übereinstimmung mit der Scan-path-Theorie (Ellis; Smith,
1985) zu sehen. Diese geht davon aus, dass sich Fixationsfolgen
auf Reizen unabhängig von Größe und Reizfrequenz abbilden lassen.
Das heißt, Menschen verarbeiten visuelle Reize unabhängig von deren
Physikalität.
In Bezug auf die ZDF-Motive zeigte sich im Vergleich zu allen anderen
getesteten Plakaten eine überlegene Aufmerksamkeit und Erinnerung
an die Motive. Dies ist in erster Linie auf die Geste „mit dem Zweiten
sieht man besser" zurückzuführen. Die Geste wurde mit einer
ausführlichen Kampagne eingeführt und ist jetzt erlernt. Damit hat
es das ZDF geschafft, ein starkes, visuelles und kinästhetisches
Markenbild zu etablieren.
Der Vergleich mit dem Benchmark konnte zeigen, dass dieses Markenbild
allen anderen Motiven klar überlegen ist.
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